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Dichter ran!

Hintergrund: Unser 2014 gestartetes Literaturprojekt Dichter ran! gibt Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit, sich schreibend mit Politik auseinanderzusetzen.

Zielgruppen:
  • Jugendliche (mit und ohne Schreibvorerfahrung)
  • Erwachsene (mit und ohne Schreibvorerfahrung)

Unsere Leistungen:

  • Vermittlung von Methoden des Kreativen Scheibens
  • Verknüpfung von Texten mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen

Wie wir arbeiten:

  • Begleitung von interessierten Teilnehmer/innen durch professionelle Schriftsteller/innen
  • Verknüpfung von Elementen und Methoden der Politischen Bildung mit Methoden des Kreativen Schreibens
  • Organisation von Veranstaltungen und Lesungen für entstandene Texte

Einen genaueren Einblick ins Pilotprojekt Dichte ran!, samt Methodenbeispielen zu Politischer Bildung und Kreativem Schreiben, finden Sie im gleichnamigen Heft des Zentrum polis

Kosten: Haben Sie den Wunsch nach einem Dichter ran!-Projekt fragen Sie uns gerne an. Gerne können wir uns gemeinsam um finanzielle Unterstützung einer Durchführung kümmern. Deren Ausmaß hängt von der genauen Projektausgestaltung und der Teilnehmer/innen-Anzahl ab.

 

 

Beispiele für entstandene Texte:

Jenseits des Tellerrands von Roland Kadan

Wie der Phönix aus der Asche
Grünt es rot, wenn
Die Naturfreunde marschieren –
Nicht zum Stammtisch,
Sondern zum Stammbaum,
Wo das Geburtshaus von diesem oder jenem steht.
Der Hinweis
„Keine Beratungsstelle für MigrantInnen“
Meint,
Dass sie ihr eigenes haben –
Nicht hier, woanders.


„FREIHEIT!!! Die Waffen nieder!“
Kein Wahlkampf ohne Schlachtruf,
Aber freiheitlich wird gefunden,
Wo nichts ist
Außer Angst
Für Fremde
Und das Schmelztiegelvolk
Im Herzen eines Erdteils.
Heiß umfehdet, wild umstritten
Ist die Fahne der Kleinkarierten
Gestreift –
Hier, nicht woanders.


So wird fröhlich am Ast gesägt,
Während die Wurzeln verfaulen.
„POLIZEI!!!“
Notgeld muss her! Und Coca Cola!
Damit auch der Zahn der Zeit
Fault und zahnlos beißt.
Während Rat suchend zum Rathaus gegangen wird,
Besteht die PolitikerInnengewerkschaft
Auf der Implementierung eines Nichtanhörungsrechtes.
Die von ihr Vertretenen
Werben für Wahlen,
Die uns keine Wahl lassen.
Verzweiflung macht sich breit –
Hier und woanders.


Das ist wohl der Lauf der Zeit.
Nur du,
Du siehst es nicht,
bis du blind bist
Und Farben keine Rolle mehr spielen
Jenseits des Tellerrandes.

 

Umkehr von Dorothea Pointner

Weit kann es nicht sein, denkt Lena, es liegt ja direkt hinter dem Rathaus, das AMS. Und es ist genug Zeit. Sie schiebt ihren Stadtplan zurück in den Rucksack, als sie vorne den Bahnhof sieht. Wahlplakate. Der Platz voller Leute. Lena pflügt sich zum Ende des Labyrinths und nimmt den Fußgänger-Übergang. Da sticht ein Auto hinter dem Dreieckständer-Dschungel hervor. Es quietscht und Lena sieht sich stürzen unter den Rädern des Maxi-Van. Sie geht dem Schrecken davon. Die Schritte unwirklich neben den eilenden Leuten, die biegen in verschiedene Richtungen ab. Lena steigt mit dem Schirm durch die Gassen. Neben der Migranten-Beratung ein Musikant, er singt „Whish You Where Here“. Wen whisht sie sich zurück?, denkt Lena. Den Hans? Nein lieber nicht. Besser allein als in schlechter Gesellschaft. Und besser nach vor. Sie hört sich den Song an, applaudiert und strebt auf den Gitarrenspieler zu. Ob er sich auskenne hier in der Stadt, ob er wisse wo das AMS sei. Nein, er sei nicht von hier, auf der Durchreise hätte es sich ergeben, dass er hier spiele, und so früh am Morgen, das müsse sein, weil die Bettler ab zehn die Plätze besetzten, sie kämen mit Instrumenten und könnten nicht spielen … Iiich muss dann weiter, sagt Lena und bewegt sich fort, die Pfützen der Gehsteige entlang. Sie passiert den langen Durchgang vor ihr. Am Ende ein überdimensioniertes Coca-Cola-Plakat. Die Gasse weist nicht viel weiteres auf. Sieht nicht nach Zentrum aus hier. Sie kehrt zur Kreuzung zurück. Aus dem Dessous-Geschäft an der Ecke protzen meterhohe und -breite Plakate – die Barbie-Frau im knappen Bikini, jung, bunt, dünn. Sie lächelt und ist sich sicher: Ein Schiff wird kommen ... Auf der rechten Seite Ken in Grau. Man sieht seine Poren. Glatte Brust. Er schaut ernst und gefestigt aus seinem antrainierten Wohlstand heraus. Vor der rasierten Bikinizone des Weibchens steht ein Frau. Entschuldigung, wie kommt man hier zum AMS? Dort links, die kleine Gasse hinein und dann geradeaus. Lena stapft weiter auf dem empfohlenen Weg. Was ist das? Hinterhof oder was? Hässliche Mauern, Plakate, die Operettenfestspiele meterhoch im Bild. Repräsentationskultur, denkt Lena, da ist ihnen nichts zu groß und zu breit. Daneben rot-weiß-rote Schranken, es stinkt nach Benzin. Sie kehrt um vor dem dunklen Schlund. Auf dem Weg zurück ein Uhrengeschäft. Ist es schon dreiviertel neun? Der Schirm stülpt sich nach oben – dieser grauenhafte Wind. Das gibt´s doch nicht. Wo ist der Stadtplan? Nur dreihundert Meter bis zu diesem verdammten Amt und ... Sie stapft die unappetitliche Mauer zurück. Eine Trafik an der nächsten Abbiegung, Lena holpert bei der Tür hinein: Guten Tag, wo ist denn hier das AMS? Wissen Sie ... Da vorne gerade aus, immer gerade. Sie geht die Straße entlang mit dem wackelnden Rest von Schirm in der Hand. Eine Baustelle steht plötzlich im Weg. Ein großer Komplex. Vorübergehend kein Durchgang auf den Rathausplatz, steht auf dem Schild. Die Plakate am Bauzaun versprechen Luxuswohnungen mit erstklassiger Rendite. Scheiß Spekulation! Lenas wirft den zerbrochenen Knirps auf den Boden. Der Stadtplan zerrissen, vom Regen zerflossen, zeigt ein schummriges Bild. Es reimen sich Irrwege zusammen aus den Fetzen durchweichten Papiers.

Lena steigt durch den Regen, tritt wütend in den Asphalt. Woher bin ich gekommen? Aus der Straße mit den Dessous. Wo war die Trafik? Es muss doch einen Weg geben zum Rathaus, der nicht um diesen ganzen Innenring herum führt. Sie geht die Strecke zurück. Es regnet stärker und stärker. Die Tropfen landen in ihrem Gesicht. Sie wischt und blinzelt das kalte Brennen aus den Augen. Die Wimperndusche ergießt sich schwarz auf den Fingern. Wo sind die Taschentücher, verdammt. Sie treibt sich weiter durch die regennasse Gasse, eng an die Wände gedrückt. Endlich ein breiter Gehsteig, ein kleiner Platz. Lena blickt auf. Die Migrantenberatung. Sie stellt sich unter den Eingang, der Sturm treibt den Regen über ihre Jeans. Die Nässe bis zu den Oberschenkeln. Sie begibt sich in die Beratungsstelle hinein. Viele warten im Stehen. Lena durchbricht das lautlose Warteklima und gestikuliert: Entschuldigung, weiß von Ihnen jemand, wo das AMS ist? Schnell, bitte, schnell. Ihr Puls pocht an ihren Schläfen, sie bewegt sich ruckhaft und unkoordiniert.

Die Leute, aufgestöbert aus dem Dösen, wenden sich der aufgekratzten Stimme zu. Zum AMS!, wiederholt Lena gereizt. Dampfende, stickige Luft. Da kommt der afrikanische Mann weiter rechts auf Lena zu. Sie, etwas erschrocken, hegt jedoch Hoffnung auf ihn. Er bleibt vor ihr stehen, sieht sie eindringlich an und sagt: Zeit gibt es viel, aber wenig Leben. Sie sieht weg, Idiot, denkt Lena. Schaut wieder zu ihm hin. Die Augen treffen sich. Er lächelt.

 

zu früh zu spät von Barbara Rieger

früher
einfach drauf los geschrieben
strich fast niemals ein Wort durch
ließ kaum Buchstaben aus

 

heute
wie so oft zu früh
Platz ähnelt anderen Plätzen
wird Bahnhofsplatz genannt
Säule hält einen Stadtplan
Geschäfte führen ins Zentrum
Fahnen wehen im Wind
in einer ehemaligen römischen Zivilstadt
der Hauptstadt eines Landes
in der Mitte Europas
Sonne brennt

 

Vorstellungsrunde
schon immer gern geschrieben
sich selbst nie Schriftsteller genannt
Politikwissenschaft studiert
erwachsen geworden
Kinder statt Politik
Schreibblockade
manchmal

 

alles aufschreiben
Adler sieht ihn mit zwei Köpfen an
Buch über die Geschichte der Stadt
über den Bürgerkrieg
den Bürgermeister
Broschüre mit dem Überblick über alles, billiger
Politik (vielleicht)
50 Jahre Gastarbeit
MigrantInnenvereine
Rolle der Frau in der Gesellschaft
Verein der Hausbesitzer
ein Kopf des Adlers blickt ihm vorwurfsvoll nach

 

ohne abzusetzen
einfach drauf los schreiben hilft seine verkrampften, verkopften, verknoteten Gedanken von einander zu lösen und wieder in freien Fluss zu bekommen, aus dem heraus er einzelne Geistesblitze wie frische Fische fangen, töten, richtig zubereiten und servieren kann, wie mühsam es ist, ohne Eingreifen seines Verstandes, und die Sinnhaftigkeit dieser Methode
 – Fragezeichen -
seine Gedanken doch scheinbar von Natur aus prächtige Forellen und besser festzuhalten, wenn er inne hält und auch während dem Schreiben darüber nachdenkt, was er da eigentlich schreiben will und wie es klingen soll, wie es wohl gefallen würde, der Lehrerin, den Kolleginnen und sich selbst und die Kontrollinstanz auszuschalten versuchen, ob er es überhaupt kann, bewusst loslassen kann, zulassen will, dass sich alles auflöst, dass die Fische im trüben fließenden Wasser fast unsichtbar werden, alle Gedanken zugleich, so ist es doch nicht mal ein Entwurf und übertreibt er es nicht mit dieser Fischmetapher
– Fragezeichen -

 

weglassen
Kinder, Eltern, Freunde, Bekannte
alle alles Politik
alle alles Kunst
alle alles Ökonomie
alle alles nichts
erklärt ein Begriff
Teile von anderen Menschen
alle Möglichkeiten der Welt
bis an ihr Lebensende

 

festhalten, was überrascht und berührt
sticht ihm ins Auge
sehnt sich doch jeder
nach all den Kommas
nach einem Punkt
- Fragezeichen -

 

besser nicht reimen

Jeder Raum hat eine Kraft, die schwer und leicht die Regeln schafft, zum Brechen da, die Grenzen nah und doch so fern, dazugehören. Alpha, Beta, Omega, Pumuckl und Hofnarr und die ein wenig stören, laufen mit einem Stapel Zeitungen herum und fragen dumm: „Vielleicht ein Euro?“ als würden sie nicht wissen, auf andere wird im besten Fall geschissen, im schlechteren geschossen, die Grenzen sind geschlossen, die Welt ist voll, der Platz besetzt, Menschenrecht verletzt, Budget verbraucht, Kopf verraucht, was soll wir tun, ein wenig ruhen, bei Kaffee und Zigaretten diskutieren, frisch und fröhlich lamentieren, die Plattitüden aus dem Munde auf den Tisch, nobel geht die Welt zu Grunde und mit ihr die Politik, Wissenschaft und Literatur, ihr könnt mich mal, Gerechtigkeit, ob poetisch oder nicht, ich reim euch ins Gesicht.

 

nie zu spät
schüttelt den Kopf
streicht alles durch
beginnt von vorn
protokoll seiner selbst

 

Ohne Titel von Magdalena Wagner

Plötzlich gab's da eine ganz neue Welt.

 

Kernseife und Gas im Plattenbau, neue Geruchskulisse.

Vom Nachtzug raus, im Morgengrauen diese Welt entdecken.
Es gibt keine Alternative.
Sie sehen wen du unterstützt.

Es gibt keine Alternative.
Sie besetzen deine Stelle neu.

Es gibt keine Alternative.

 

Und langsam, langsam, verschließt sich diese Welt.

 

Mauern, Mauern überall von Peter Gach

Wir gehen durch St. Pölten, es regnet und
wir halten Ausschau nach politischen Signalen
in St. Pölten. Mir fällt vor allem auf,
wovon nix zu sehen ist: Conchita Wurst
zum Beispiel oder Eugen Freund. Obwohl
unsere Conchita gerade erst den Song Contest
gewonnen hat und die EU-Wahlen kurz bevorstehen.

 

            Reißt dem Mörtel seine Mauer nieder!
            Jugend braucht Bildung und Solidarität!

 

Wir sitzen in einem Wirtshaus in St. Pölten,
das jedem von uns gehört, denn es nennt sich
"Mein Wirtshaus". Drinnen regnet es nicht,
trotzdem ist das Wirtshaus noch nicht einmal
halb voll. Ich denke an Reformen, die notwendig
sind. Neun Bundesländer, zehn Gesetze zur
Bildung oder was Poltiker so dafür halten.

 

            Reißt dem Mörtel seine Mauer nieder!
            Menschen brauchen Gesundheit und Solidarität!

 

Ein Essen wird irrtümlich an unseren Tisch
getragen. Aus der Tiefe beschwert sich eine
Stimme: "Drauss'n verdurschd'n Leit". Das
gefällt meinem Kollegen, denn draußen regnet
es noch immer und draußen, da sind die Leit',
die es sich nicht leisten können, reinzukommen.

 

            Reißt dem Mörtel seine Mauer nieder!
            Alte brauchen sichere Pensionen und Solidarität!

 

Mir gehen die neun Bundesländer nicht aus dem
Kopf, und die zehn Gesetze. Ich sehe neun
Mauern und rund herum noch eine zehnte, die
gleichsam in den Himmel wächst wie der Turm
zu Babel. Mauern grenzen ein und grenzen ab,
Mauern schützen die da drinnen vor denen dort draußen.

 

            Reißt dem Mörtel seine Mauer nieder!
            Arme brauchen Arbeit und Solidarität!

 

So viele Mauern, neun Bildungsmauern und
eine zehnte. Neun Pensionsmauern und eine
zehnte. Neun Sozialmauern und eine zehnte.
Das kostet Unsummen an Kohle, die den Menschen fehlt,
weil zu viele zu wenig davon haben. Die ärgste Mauer
von allen aber ist die Föderalismusmauer.

 

            Reißt dem Mörtel seine Mauer nieder!
            Wir wollen Solidarität und ein gutes Leben für alle.

 

Anmerkungen des Autors:

(1) Mauern, Mauern überall = Mauern meint nicht nur Mauern wie die Berliner Mauer, sondern auch das Errichten von Mauern, also abgrenzen, ausgrenzen, einzäumen, wegsperren.

 

(2) Mauern meint aber auch das Festhalten an alten Gewohnheiten und Strukturen, selbst wenn diese kaum noch Sinn machen. Wozu braucht ein so kleines Land wie Österreich zehn Bildungsgesetze (ein Bundesgesetz und für jedes Bundesland ein eigenes Bildungsgesetz)? Hier könnten unglaubliche Summen eingespart werden, die besser für die Bildung verwendet werden und nicht für die Verwaltung derselben.

 

(3) Mörtel = Das ist der Spitzname eines Wiener Bauherrn, der nur noch rund um den Opernball eine eher zweifelhafte Bekannheit erlangt. In dem Text stellvertretend für all jene Gierigen, die nicht genug haben können, die Steuern umgehen und so dem Staat ausgerechnet die Mittel entziehen, die vor allem Alte, Arme, Kranke und sozial Schwache ganz dringend brauchen.

 

 

Stadtluft-Landluft-Stadtflucht-Landflucht von Patrick Danter

In einem Wiener Wirtshaus:

Landluft, das ist, was ich jetzt brauche.
Landluft, Landleben, Freiheit, Natur. Den Nah und Frisch-Kassier beim Vornamen kennen, das ist wahre Lebendigkeit! Das ist was ich jetzt brauche!
Landleben, diese große Freiheit, der Weitblick, zarte Hügel, volle Felder!
Bäume so groß und mächtig, dass sich keine Fußgängerzone um sie schlängeln traut, das ist die richtige Natur!



HERTAHHH!, WIA VADIASCHTN!!!!

Landlärm, statt die immergleichen Trunkenbolde!
Stadtbahnbogentrinker, die noch nie aus dem Grätzl raus sind und glauben Fernweh ist  der Grund warum ihnen ihr Hausarzt eine Brille verschrieben hat.
Landeier, statt Konsumwahn echtes Bio statt falsches Bobo!
Landeier als Schutzwall vor Globalisierung, enorme Schnittlauchbrote beim Mostbauern deines Vertrauens, Kostenpunkt Zwei-Fünfzig, und Nestle schaut durch die Finger!
Das ist wahre Demokrat...

 

HERTAHHH!, WIA VADIASCHTN!!!!

Landflucht, raus aus verrauchten Tschumsn, voll paniergetränkter Luft, raus aus Häuserwaben, Straßenzügen voller Smog, hinein ins pralle Leben!
Rohrbach, ich komme!

 

Zugleich in einem Mühlviertler Wirtshaus:

 

Stadtleben, ein vollbepackter Merkur, statt dem immerselben Nah und Frisch-Kassier, das ist wahre Lebendigkeit! Das ist, was ich jetzt brauche!
Stadtleben, diese große Freiheit, der Ausblick, die Stadt blinkt, lebt, pulsiert!
Menschen, die sich Bäume zum Untertan machen, sie mit Lachen und Lichterlampions beleben, das ist die richtige Natur!

HERTAHHH!, WIA VADIASCHTN!!!!

Stadtlärm, statt die immergleichen Trunkenbolde!
Dorfwirttrinker, die noch nie aus dem eigenen 300 Seelen Ort raus sind und glauben, Fernreise ist, immer dann, wenn sie diese Essig-Paprika-Bottiche von über der Grenze holen.
Stadtluft, das ist was ich jetzt brauche.
Gemeine Stadttauben, statt gemeines Hausbauen, echte Veggies, statt  falsche Pfadis!
Der Bio-Händler ums Eck als Schutzwall vor Globalisierung!  Lactosefreie Milch und glutenfreies Brot, für die die es brauchen, das ist wahre Demokrat...

 

HERTAHHH!, WIA VADIASCHTN!!!!

Stadtflucht, raus aus dem verrauchten Stüberl, voll paniergetränkter Luft. Raus aus Einwegheimen, voller bedrückender Beschaulichkeit, hinein ins pralle Leben!

 

Linz, ich komme!

 

Raus aus der ewigen Krise – hin zu mehr Gemeinschaftssinn von Cornelia Stahl

Schlaftrunken schau ich auf meine Uhr. Verdammt, es ist schon neun Uhr und ich sitze immer noch hier und lese Zeitung. Eigentlich wollte ich längst weg sein. Um zehn Uhr fängt doch das Seminar an. Kaffee habe ich auch noch keinen getrunken.

Rasch nehme ich die dunkelbraune Tasche, schlüpfe in meine Schuhe und bin schon aus der Tür. Der Bus kommt gerade vorgefahren. Ich nehme die Beine in die Hand und winke dem Busfahrer zu. Er öffnet nochmals für mich die Tür. „Danke“ rufe ich durch die Menschenmenge und lasse mich erschöpft auf den Sitz fallen.

Eine Cola statt einem Kaffee wäre jetzt nicht schlecht, einfach nur zum wach werden. Die Hitze treibt die Schweißperlen auf die Stirn. Langsam rinnen keine Tropfen direkt in meinen Mund. Salzige Küsse schmecken am besten, denke ich in diesem Moment.

An der Endstation kaufe ich mir endlich eine Cola und öffne sie mit einem lauten Zischen. Das tut gut. Der erste Schluck, der zweite und noch einer, und noch einer. Ich halte die kalte Coladose in der Hand und verspüre ein Wohlwollen wie ein Baby, das gerade von der Mutter gestillt wurde.

Ich denke zurück an die Momente in meinem Leben, in denen mich Coca-Cola immer begleitet hat, egal, ob in der algerischen Sahara, in der mongolischen Stadt Ulan-Bator oder in anderen Orten auf der Welt. Stets war dieses Getränk mein Begleiter. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit.

Was ist dazwischen alles passiert? Wie viele Wirtschaftskrisen und Pleiten gab es unterdessen? Aber wieso existiert dieser Großkonzern immer noch? Coca-Cola hat selbst die Lehmann-Pleite und die Bankenkrise von 2008 überlebt. Welche Unternehmen waren eigentlich wirklich von der Krise betroffen? Wer konnte sich frei kaufen? Viele kleine Unternehmen sind nicht so gut davon gekommen wie Coca-Cola und mussten aufgeben. Viele sitzen bis heute auf ihren Schulden.

Doch warum machen die Banken weiter wie bisher? Warum bekommen Großunternehmen weiterhin Kredite? Die Kleinunternehmer hingegen nicht. Und warum, verdammt noch mal, sollen wir als Privatpersonen und brave Steuerzahler die Schulden für die Hypo begleichen? 

Die Gier geht weiter, ist uferlos wie ein reißender Fluss.

Ich steig aus, will nicht mehr mitschwimmen, im Fluss der Gierigen und ewig Suchenden nach dem eigenen Bauchnabel. Narzissten gibt es mehr als mir lieb ist. Ich will raus aus der ewigen Krise, der Wirtschafts- und Sinnkrise. In meinem Stammlokal hole ich mein Notizbuch hervor und schreibe meine Prioritätenliste neu. Als ich gerade zur Toilette gehen will, entdecke ich am Schwarzen Brett einen Aufruf zum gemeinschaftlichen Gärtnern. Und das mitten in der Stadt. Super! Das ist genau das, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte, und jetzt hängt der Zettel direkt vor meiner Nase. Was für ein Zufall.

Am nächsten Tag fahre ich sofort nach der Arbeit zum Verein und treffe dort Studenten und Flüchtlinge, die bereits fleißig Unkraut jäten. Ein kräftiger junger Mann gräbt kraftvoll Erde um. Vanessa, die Leiterin des Gemeinschaftsgartens, erklärt mir geduldig, wo es noch freie Flächen gibt und wo ich die Geräte und das Saatgut finde. Voll Enthusiasmus bin ich dabei und mache mich sofort an die Arbeit. Abdullah, aus Afghanistan, ist auch ganz neu hier, genau wie ich. Nach kurzem Zögern erzählt er mir, dass er nie in der Schule war, weil er seinem Vater immer auf dem Feld geholfen hat. Ich erzähle ihm, dass meine Familie früher auch einen Garten hatte. Vanessa kommt direkt auf uns zu. Freundlich erkundigt sie sich nach unseren Plänen. Abdullah will Blumen und Salat anpflanzen, genau wie ich. Wir tauschen unser Saatgut aus und ich zeige ihm, wie man ein Blumenbeet anlegt. In der Feldarbeit kennt er sich besser aus als ich. Da kann ich in Zukunft noch Einiges von ihm lernen. Abdullah lächelt mir zu und freut sich über meine Hilfe.

Am Spätnachmittag, nach der Gartenarbeit, sitzen wir gemeinsam unter einem Sonnenschirm in einem Cafe am Hauptplatz. Müde und kaputt, aber zufrieden, trinken wir unser kaltes Mineral. Wir schauen uns an und lachen über unsere schmutzigen Hände. Die Kellnerin hat es eilig. Sie steuert direkt unseren Tisch an und möchte kassieren. Meine Hände wühlen in der Tasche und suchen nach der bunten Geldbörse. Ich winke ab. „Komm, heut´ lade ich dich ein“, sage ich und lächele ihn an. Verlegen dreht er den Kopf zur Seite. „Danke“ sagt er leise und schiebt eine Frage hinterher: „Sehen wir uns morgen wieder? Dann ich kann meine Deutsch verbessern.“ „Morgen nicht, aber am Freitag. So gegen 17Uhr werde ich im Garten sein“.  Ein überglücklicher Abdullah steht vor mir, reicht mir seine Hand. „Tschüss, bis Freitag“ sage ich und spüre, dass seine warme Hand noch immer meine festhält.

 

Stadtpolitische Skizze von Jakob Etzel

Ein großer Doppeladler klotzt an der Fassade – Nostalgie oder Anachronismus? Die Straßennamen erzählen von Menschen, Berufen und Ereignissen der Vergangenheit. Mit leiser Stimme spiegeln sie eine Zeit wieder, die unwiderruflich zurückliegt. Schicht für Schicht kratzt man tiefer und legt Zeugnisse alter Weltbilder und Lebensrealitäten frei. Das Jetzt, die belebten Straßen, vollen Schanigärten, Sprachfetzen und Gesten, die im Stadtdunst umherschwirren: Sie sind gleichsam wie ein Filter auf ein Sammelsurium erstarrter Geschichte.


Das Leben in der Stadt ist mehr denn je der Abdruck der Gesellschaft, ihrer Politik und Visionen. Fahnen verkünden, worauf man stolz ist - oder sein sollte. Wappen prangen und werden nicht mehr wahrgenommen. Nur langsam wie die Morgendämmerung steigt die Erkenntnis auf. Sie gibt den Blick frei: Welche Fahne darf sich da im Winde wallen, welche nicht? Und so mancher Vorplatz sagt ganz klamm: „Uns gehen die Fahnenmasten aus!“


Zwischen alten Fassaden, frisch renoviert, verfällt die Bombenlücke – nach dem Krieg rasch hochgezogen, alsbald verachtet. Was erzählt dieses und jenes Haus? Und spricht nicht auch die größte Bausünde Bände?


Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter; eine Jahreszeit lässt besonders tief in die urbane Leben- und Wertevielfalt eintauchen: die Wahlkampfzeit.


„Sozial statt egal“ steh da. Oder: „Unser Land rechnet ab.“ – Auf wessen Rechnung stehen wir denn? „Ans Werk“, aber „anders!“ Und an jeder Straße lugen die Gesichter derer ums Eck, die es natürlich besser machen würden, und zwar sofort.


Politiker sollen gestalten, sich zurücknehmen, visionär sein und auf das Alte Rücksicht nehmen, einladen und doch vor der eigenen Haustür Halt machen. Leicht haben sie es nicht – aber sonst bräuchten wir sie auch nicht.


Die Stadt, Entfremdung vom Natürlichen, Zähmung des Wilden und Ursprung des Generischen ist in Form gegossen Menschliches, ein Abdruck politischen und gesellschaftlichen Willens. Sie bedarf in ihrer Komplexität mehr denn anderswo Gemeinschaft und Rücksicht, verlangt nach Planung und stetiger Innovation. Die Stadt ist politischer Raum ersten Ranges.


Wobei sowieso gilt: Tot ist die Stadt erst, wenn keiner mehr in ihr lebt. Nicht Winter, nicht Nacht nehmen ihr den Atem und auch die Absenz, die Lücke und der Mangel sind politische Statements. Ausdruck dessen, was man eben für wichtig hält – oder auch nicht. Sozusagen ein politischer Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Denn alles erzählt, auch der alte Doppeladler, an der Fassade klotzend, ob anachronistisch oder auch nicht.

 

Fragen der Lokalpolitik von Jakob Frühmann (Auszug)

Was verfolgen Sie damit, hä?


Herr Wirt, bitte, was soll das alles?

Ist das alles wohl überlegt?

Wissen Sie, dass dies ein Spiegel, ein
Widerbild dessen ist, was draußen in
der nüchternen Nacht vor sich geht?


Herzlich willkommen in der Gaststube,
alle können haben, was sie
wollen – so steht es geschrieben?
Was Sie geschrieben haben, haben
Sie geschrieben?


Ich schreibe auch, wissen Sie? Ich
dichter Dichter soll dichter dichten?
Bei Ihrer Lokalpolitik?


Jeder und jede hat die große Chance,
hier ganz trunken rauszugehen,
oder? Allen Menschen erweisen Sie
ihre Würde? Ihre? Ihre Würde? Jeder
Mensch hat also ein Anrecht auf
Selbstverwirklichung an der Theke?
Bestellungen nehmen Sie sicher
jederzeit auf, oder? Einfach nach
Ihnen rufen und frei aussprechen?


Ich nehme an, solange es auf der
Karte steht?


Haben Sie das Menü zusammengestellt?
Also die Kreideschrift auf
dieser Tafel da ist schon sehr blumig,
finden Sie nicht auch? Und haben
Sie Ihr Angebot schon je selbst
probiert? Haben Sie sich schon mal
durchgekostet, durchgefressen,
durchgesoffen?


Können Sie die Musik etwas
leiser drehen? Verstehen Sie mich
überhaupt? Wie halten Sie es mit
den Schluckern? Nicht nur mit den
armen, wie verfahren Sie mit den
reichen Schluckern? Ist es eines
jeden Trunkenboldes Recht, zu
bechern, zu brechen? Auch wenn
sich dessen Delirium nie amortisieren
wird, nie rechnet? Was, wenn
alle zahlten, was sie zahlen wollten?
Wohin wir da kämen? Wo kämen wir
da hin? Kämen wir da wohin?


Fragen wird ja wohl noch erlaubt
sein, oder?


Rechnen Sie viel, Herr Wirt? Wann
tun Sie das? Inmitten der Gäste wohl
eher nicht, nehme ich an? Vertrauen
Sie ihren Gästen, mir, uns, nicht?
Und, wenn Sie zu Hause rechnen,
haben Sie dann das Gesicht des
Anschreibers vor sich?

 

Kontakt:
Mag. Hermann Niklas
hermann.niklas@sapereaude.at
0650/8309184